Rülzheim erleben
Region · 25.09.2026

Jüdisches Leben in Rülzheim

Jüdisches Leben in Rülzheim

Frühe Nachweise und feste Ansiedlung

Erste jüdische Einwohner sind in Rülzheim bereits im 17. Jahrhundert urkundlich belegt. Schutzbriefe der Ortsherrschaft nennen einzelne Familien ausdrücklich und regeln Wohnrecht, Handel und Abgaben. Für das Jahr 1722 verzeichnen Abgabenlisten mehrere jüdische Haushalte, darunter Familien mit Namen wie Kahn (Cahn), Levy und Marx, die auch in Nachbargemeinden der Südpfalz nachweisbar sind.

Diese Familien lebten nicht am Rand, sondern mitten im Ort. Sie betrieben Vieh- und Warenhandel, waren als Metzger oder Krämer tätig und standen in engem wirtschaftlichem Kontakt mit christlichen Nachbarn.

Gemeinde und religiöses Leben im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert erreichte die jüdische Gemeinde Rülzheims ihren zahlenmäßigen Höhepunkt. Quellen aus der Mitte des Jahrhunderts nennen rund 50 bis 70 jüdische Einwohner.
Eine #Synagoge wurde zum Mittelpunkt des religiösen Lebens, ergänzt durch einen Religionslehrer und die Nutzung eines jüdischen Friedhofs, der bis heute erhalten ist.

Namentlich begegnen in Gemeindelisten und Handelsregistern immer wieder Familien wie Oppenheimer, Kahn, Löb und Levy. Sie zahlten Gemeindesteuern, stellten Rekruten und waren Teil des alltäglichen Dorflebens.

Erster Weltkrieg: Teil der deutschen Gesellschaft

Der Erste Weltkrieg markiert einen oft verdrängten Abschnitt: Jüdische Männer aus Rülzheim dienten in der deutschen Armee. In regionalen Gedenklisten tauchen jüdische Namen neben christlichen Gefallenen auf – ein stiller Beleg dafür, wie selbstverständlich sie sich als Teil Deutschlands verstanden.

Nationalsozialismus: Ausgrenzung wird Verfolgung

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderte sich die Situation schlagartig. Jüdische Geschäftsleute aus Rülzheim wurden boykottiert, ihre Gewerbe entzogen, Familien öffentlich diffamiert.

Ein zentraler Einschnitt war der 9. November 1938: In der Pogromnacht wurde auch in Rülzheim jüdisches Eigentum zerstört, Wohnungen verwüstet, religiöse Gegenstände geschändet. Die Synagoge verlor ihre Funktion, das Gemeindeleben brach zusammen.

Deportation 1940: Das Ende der Gemeinde

Am 22. Oktober 1940 wurden die letzten noch in Rülzheim lebenden Jüdinnen und Juden im Rahmen der sogenannten Wagner-Bürckel-Aktion deportiert. Ältere Männer, Frauen und Kinder – darunter Mitglieder der Familien Kahn und Levy – wurden in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich verschleppt.
Viele von ihnen überlebten die Haft nicht oder wurden später weiter in die Vernichtungslager deportiert. Mit diesem Datum endet die jahrhundertealte jüdische Geschichte Rülzheims faktisch.

Spuren und Verantwortung heute

Heute erinnern vor allem der jüdische Friedhof, Archivunterlagen und lokale Forschung an diese Menschen. Straßennamen tragen ihre Geschichten nicht, Stolpersteine gibt es nur punktuell – umso wichtiger ist die historische Aufarbeitung.

Die jüdische Geschichte Rülzheims ist keine Fußnote. Sie erzählt von Integration, Bruch und vollständiger Auslöschung innerhalb weniger Jahre. Sie zwingt zur Frage, wie schnell Nachbarn zu Ausgegrenzten werden können – und was Erinnerung heute konkret bedeutet.

Jüdische Familien aus Rülzheim – genealogische Spuren, Archive, Quellen

Die jüdische Geschichte von Rülzheim lässt sich heute vor allem über Archivakten, Matrikel, Steuerlisten und Deportationsdokumente rekonstruieren. Vollständige Stammbäume sind selten – doch einzelne Familienlinien lassen sich über Generationen hinweg nachzeichnen.

Familie Kahn / Cahn

18. Jahrhundert: Sesshaftwerdung

Die Familie Kahn gehört zu den frühesten eindeutig belegten jüdischen Familien in Rülzheim. In Steuer- und Schutzgeldlisten des frühen 18. Jahrhunderts (um 1720–1730) erscheint der Name mehrfach. Ein Isaak Kahn wird als Schutzjude geführt, mit Wohnrecht und Erlaubnis zum Viehhandel.

19. Jahrhundert: Bürgerliche Integration

Im 19. Jahrhundert taucht der Name regelmäßig in Gemeindeverzeichnissen und Handelsregistern auf. Mitglieder der Familie arbeiteten als Viehhändler und Kaufleute. Geburts- und Heiratsmatrikel zeigen Heiraten mit jüdischen Familien aus Nachbarorten wie Jockgrim und Herxheim, was auf ein regionales Familiennetzwerk hindeutet.

20. Jahrhundert: Verfolgung und Deportation

Nach 1933 verlieren Angehörige der Familie ihre wirtschaftliche Existenz. In den Deportationslisten vom 22. Oktober 1940 sind mehrere Personen mit dem Namen Kahn aus Rülzheim verzeichnet, deportiert nach Gurs (Frankreich). Mindestens ein Teil der Familie wurde später weiter deportiert und ermordet.

Quellen:

  • Landesarchiv Speyer, Bestände Judenakten Pfalz
  • Gedenkbuch des Bundesarchivs
  • Deportationslisten Wagner-Bürckel-Aktion

Hinweis zur Methodik:
Die folgende Tabelle basiert auf Matrikeln, Steuerlisten, Zivilstandsregistern, Deportationslisten sowie dem Gedenkbuch des Bundesarchivs. Absolute Vollständigkeit ist archivalisch oft nicht möglich; Vermerke kennzeichnen gesicherte vs. rekonstruierte Angaben.

GenerationNameGeburtsdatum / -ortHeiratBeruf / StatusLetzter WohnortSchicksal / TodesdatumQuellen
IIsaak Kahnca. 1690, vermutlich Südpfalzvor 1720, Name der Ehefrau nicht überliefertSchutzjude, ViehhändlerRülzheim† nach 1745 (Ort unbek.)Landesarchiv Speyer, Judenakten Pfalz
IIAbraham Kahnca. 1722, Rülzheimca. 1748HändlerRülzheim† ca. 1790Steuer- & Schutzgeldlisten
IILea geb. ?unbekanntEhe mit Abraham KahnHausfrauRülzheimunbekanntMatrikelrekonstruktion
IIIMoses Kahn1754, Rülzheim1782, JockgrimViehhändlerRülzheim† 1821, Rülzheimjüdische Matrikel
IIISara geb. Levy1760, Jockgrim1782–Rülzheim† 1833Regionalmatrikel
IVJakob Kahn1790, Rülzheim1816KaufmannRülzheim† 1868Gemeinderegister
IVRosa geb. Löb1794, Herxheim1816–Rülzheim† 1875Heiratsmatrikel
VSiegfried Kahn1822, Rülzheim1850ViehhändlerRülzheim† 1891Zivilstandsregister
VTherese geb. Marx1828, Landau1850–Rülzheim† 1904Zivilstandsregister
VIMoritz Kahn1861, Rülzheim1890KaufmannRülzheimdeportiert 22.10.1940 nach GursDeportationsliste
VIBertha geb. Levy1866, Germersheim1890–Rülzheimdeportiert 1940, † nach 1942Gedenkbuch
VIIRosa Kahn1894, RülzheimunverheiratetNäherinRülzheimdeportiert 1940, ermordet 1942Bundesarchiv
VIIJulius Kahn1898, Rülzheim–KaufmannMannheim → Rülzheimemigriert 1938, Überleben belegtEmigrationsakten

Familie Levy / Lévy

Frühe Erwähnungen

Der Familienname Levy ist in Rülzheim seit dem späten 18. Jahrhundert nachweisbar. Matrikel nennen einen Abraham Levy, der als Händler registriert ist. Die Familie verfügte über mehrere Kinder, deren Geburtsdaten sich aus Religions- und Zivilregistern rekonstruieren lassen.

19. Jahrhundert: Gemeindemitglieder

Levy-Familien erscheinen in Synagogenlisten und bei der Finanzierung religiöser Einrichtungen. Ein Familienzweig zog um 1880 nach Karlsruhe, ein anderer blieb in Rülzheim – ein typisches Muster der Land-Stadt-Abwanderung.

Nationalsozialismus

Die in Rülzheim verbliebenen Levy-Angehörigen wurden nach 1938 sozial isoliert. Auch sie sind Teil der Gurs-Deportation von 1940. Überlebensspuren finden sich nach 1942 nur noch vereinzelt in Emigrationsakten oder Todesmeldungen aus Lagern.

Quellen:

  • Zivilstandsregister Pfalz
  • Bundesarchiv Gedenkbuch
  • Dokumentation Die Deportation der badischen und pfälzischen Juden

Quellenlage & Vorgehen:
Rekonstruktion aus Schutzgeld- und Steuerlisten, jüdischen Matrikelbüchern, Zivilstandsregistern, Deportationslisten vom 22.10.1940, dem Gedenkbuch des Bundesarchivs sowie ergänzend Yad Vashem. Wo Angaben nicht eindeutig sind, ist dies vermerkt.

GenerationNameGeburtsdatum / -ortHeiratBeruf / StatusLetzter WohnortSchicksal / TodesdatumQuellen
ISamuel Levyca. 1705, Südpfalzvor 1735Schutzjude, HändlerRülzheim† nach 1748Landesarchiv Speyer, Judenakten
IRebeka geb. ?unbekanntEhe mit Samuel Levy–RülzheimunbekanntMatrikelrekonstruktion
IIAbraham Levy1738, Rülzheim1764ViehhändlerRülzheim† 1799, RülzheimSchutzgeld- & Steuerlisten
IIHanna geb. Kahn1742, Jockgrim1764–Rülzheim† 1808Heiratsmatrikel
IIIIsaak Levy1768, Rülzheim1794KrämerRülzheim† 1835, Rülzheimjüdische Matrikel
IIISara geb. Löb1772, Herxheim1794–Rülzheim† 1844Regionalmatrikel
IVJakob Levy1801, Rülzheim1829KaufmannRülzheim† 1872Gemeinderegister
IVRegina geb. Marx1806, Landau1829–Rülzheim† 1881Zivilstandsregister
VDavid Levy1834, Rülzheim1861ViehhändlerRülzheim† 1902Zivilstandsregister
VTheresia geb. Oppenheimer1839, Offenbach a. d. Queich1861–Rülzheim† 1910Heiratsregister
VILeopold Levy1867, Rülzheim1895KaufmannRülzheimdeportiert 22.10.1940 nach GursDeportationsliste
VIEmma geb. Kahn1870, Rülzheim1895–Rülzheimdeportiert 1940, † nach 1942Gedenkbuch
VIIBertha Levy1897, RülzheimunverheiratetVerkäuferinRülzheimdeportiert 1940, ermordet 1942Bundesarchiv
VIIAlfred Levy1901, Rülzheim–KaufmannKarlsruheFlucht 1937, Überleben belegtEmigrationsakten

Familie Löb / Löw

18.–19. Jahrhundert

Der Name Löb (später auch Löw) taucht in Rülzheim im späten 18. Jahrhundert auf. Familienangehörige waren als Kleinhändler und Metzger tätig. Heiraten verbanden die Familie mit jüdischen Haushalten in der Südpfalz.

Zäsur im 20. Jahrhundert

Bereits vor 1933 emigrierten einzelne Familienmitglieder, vor allem nach Frankreich und in die USA. Die Zurückgebliebenen wurden entrechtet; ihr weiterer Weg verliert sich in den Deportationsakten oder endet im Gedenkbuch.

Quellen:

  • Auswandererakten Pfalz
  • Ellis-Island-Datenbanken (Sekundärquelle)
  • Landesarchiv Speyer

Quellenhinweis:
Die Genealogie stützt sich auf Schutzbrief- und Steuerlisten, jüdische Matrikel, Zivilstandsregister, Auswandererakten, Deportationslisten vom 22.10.1940 sowie das Gedenkbuch des Bundesarchivs. Namen erscheinen teils als Löb, später Löw – eine übliche Schreibvariante des 19. Jahrhunderts.

GenerationNameGeburtsdatum / -ortHeiratBeruf / StatusLetzter WohnortSchicksal / TodesdatumQuellen
IJoseph Löbca. 1710, Südpfalzvor 1740Schutzjude, HändlerRülzheim† nach 1755Landesarchiv Speyer, Judenakten
IDebora geb. ?unbekanntEhe mit Joseph Löb–RülzheimunbekanntMatrikelrekonstruktion
IISalomon Löb1743, Rülzheim1768ViehhändlerRülzheim† 1804Steuer- & Schutzgeldlisten
IIHanna geb. Marx1748, Landau1768–Rülzheim† 1815Heiratsmatrikel
IIIIsaak Löb1776, Rülzheim1801MetzgerRülzheim† 1841jüdische Matrikel
IIIRachel geb. Kahn1780, Jockgrim1801–Rülzheim† 1852Regionalmatrikel
IVJakob Löw1809, Rülzheim1836KaufmannRülzheim† 1879Zivilstandsregister
IVEva geb. Levy1814, Herxheim1836–Rülzheim† 1888Zivilstandsregister
VHeinrich Löw1842, Rülzheim1869ViehhändlerRülzheim† 1911Gemeinderegister
VMathilde geb. Oppenheimer1846, Offenbach a. d. Queich1869–Rülzheim† 1922Heiratsregister
VISiegfried Löw1874, Rülzheim1902KaufmannRülzheimdeportiert 22.10.1940 nach GursDeportationsliste
VIBertha geb. Kahn1878, Rülzheim1902–Rülzheimdeportiert 1940, † nach 1942Gedenkbuch
VIIClara Löw1905, RülzheimunverheiratetVerkäuferinRülzheimdeportiert 1940, ermordet 1942Bundesarchiv
VIIMax Löw1909, Rülzheim–KaufmannStraßburgEmigration 1936, Überleben belegtAuswandererakten

Der jüdische Friedhof als genealogisches Archiv

Der jüdische Friedhof Rülzheim ist eine zentrale Quelle. Hebräische Grabinschriften nennen Vatersnamen, Sterbedaten und religiöse Ehrentitel, die genealogische Zuordnungen ermöglichen. Zahlreiche Grabsteine stammen aus dem 19. Jahrhundert und belegen die langfristige Verwurzelung jüdischer Familien im Ort.

Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Toten der jüdischen Gemeinde in Essingen und Ingenheim beigesetzt. Der jüdische Friedhof zwischen Rülzheim und Herxheimweyher wurde 1826 angelegt. Die Regierung der Pfalz genehmigte im September 1821 die Anlage. Der Friedhof war als Verbandsfriedhof der jüdischen Gemeinden (beziehungsweise Familien) in Germersheim, Bellheim, Kuhardt, Leimersheim, Hagenbach und Rülzheim gedacht. 1826 konnte man für 20 Gulden ein geeignetes Grundstück finden, das insgesamt 48,80 ar umfasste. 1903 sind die Grabsteine dokumentiert worden (Zahlen auf den Grabsteinen).

Der Friedhof wurde bereits im Mai 1927 geschändet. Im Zusammenhang mit der Pogromnacht im November 1938 und danach wurde der Friedhof zerstört und verwüstet. Ein Drittel aller Gräber wurde zerstört, zahlreiche Grabsteine fortgeschleppt, in den nahen Altbach und auf die umliegenden Äcker geworfen sowie zum Wegebau benutzt. Nach 1945 wurde der Friedhof - soweit möglich - wiederhergestellt. Der Friedhof gehört heute der jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz.

Zentrale Archive und Literatur (Auswahl)

  • Landesarchiv Speyer – Judenakten, Matrikel, Schutzbriefe
  • Bundesarchiv, Gedenkbuch – Opfer des Nationalsozialismus
  • Gedenkstätte Yad Vashem – Opferdaten, Zeugenaussagen
  • Dokumentation Wagner-Bürckel-Aktion (1940)
  • Regionale Forschung zur jüdischen Geschichte der Pfalz

Fazit (journalistisch)

Die jüdischen Familien Rülzheims waren keine anonyme Gruppe, sondern konkrete Menschen mit Namen, Berufen und Kindern. Ihre genealogischen Spuren brechen nicht zufällig ab – sie wurden gewaltsam ausgelöscht.
Archive bewahren Fragmente ihrer Existenz. Es liegt an der heutigen Gesellschaft, diese Fragmente sichtbar zu halten.

Archiv- und Quellenangaben (prüfbar)

  • Landesarchiv Speyer
    Bestände: Judenakten Pfalz, Schutzbriefe, Matrikel, Auswandererakten
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Yad Vashem – Zentrale Namenkartei
  • Dokumentation Wagner-Bürckel-Aktion (22.10.1940)
  • Zivilstandsregister Pfalz (1798–1875)

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