Frühe Nachweise und feste Ansiedlung
Erste jüdische Einwohner sind in Rülzheim bereits im 17. Jahrhundert urkundlich belegt. Schutzbriefe der Ortsherrschaft nennen einzelne Familien ausdrücklich und regeln Wohnrecht, Handel und Abgaben. Für das Jahr 1722 verzeichnen Abgabenlisten mehrere jüdische Haushalte, darunter Familien mit Namen wie Kahn (Cahn), Levy und Marx, die auch in Nachbargemeinden der Südpfalz nachweisbar sind.
Diese Familien lebten nicht am Rand, sondern mitten im Ort. Sie betrieben Vieh- und Warenhandel, waren als Metzger oder Krämer tätig und standen in engem wirtschaftlichem Kontakt mit christlichen Nachbarn.
Gemeinde und religiöses Leben im 19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert erreichte die jüdische Gemeinde Rülzheims ihren zahlenmäßigen Höhepunkt. Quellen aus der Mitte des Jahrhunderts nennen rund 50 bis 70 jüdische Einwohner.
Eine #Synagoge wurde zum Mittelpunkt des religiösen Lebens, ergänzt durch einen Religionslehrer und die Nutzung eines jüdischen Friedhofs, der bis heute erhalten ist.
Namentlich begegnen in Gemeindelisten und Handelsregistern immer wieder Familien wie Oppenheimer, Kahn, Löb und Levy. Sie zahlten Gemeindesteuern, stellten Rekruten und waren Teil des alltäglichen Dorflebens.
Erster Weltkrieg: Teil der deutschen Gesellschaft
Der Erste Weltkrieg markiert einen oft verdrängten Abschnitt: Jüdische Männer aus Rülzheim dienten in der deutschen Armee. In regionalen Gedenklisten tauchen jüdische Namen neben christlichen Gefallenen auf – ein stiller Beleg dafür, wie selbstverständlich sie sich als Teil Deutschlands verstanden.
Nationalsozialismus: Ausgrenzung wird Verfolgung
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderte sich die Situation schlagartig. Jüdische Geschäftsleute aus Rülzheim wurden boykottiert, ihre Gewerbe entzogen, Familien öffentlich diffamiert.
Ein zentraler Einschnitt war der 9. November 1938: In der Pogromnacht wurde auch in Rülzheim jüdisches Eigentum zerstört, Wohnungen verwüstet, religiöse Gegenstände geschändet. Die Synagoge verlor ihre Funktion, das Gemeindeleben brach zusammen.
Deportation 1940: Das Ende der Gemeinde
Am 22. Oktober 1940 wurden die letzten noch in Rülzheim lebenden Jüdinnen und Juden im Rahmen der sogenannten Wagner-Bürckel-Aktion deportiert. Ältere Männer, Frauen und Kinder – darunter Mitglieder der Familien Kahn und Levy – wurden in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich verschleppt.
Viele von ihnen überlebten die Haft nicht oder wurden später weiter in die Vernichtungslager deportiert. Mit diesem Datum endet die jahrhundertealte jüdische Geschichte Rülzheims faktisch.
Spuren und Verantwortung heute
Heute erinnern vor allem der jüdische Friedhof, Archivunterlagen und lokale Forschung an diese Menschen. Straßennamen tragen ihre Geschichten nicht, Stolpersteine gibt es nur punktuell – umso wichtiger ist die historische Aufarbeitung.
Die jüdische Geschichte Rülzheims ist keine Fußnote. Sie erzählt von Integration, Bruch und vollständiger Auslöschung innerhalb weniger Jahre. Sie zwingt zur Frage, wie schnell Nachbarn zu Ausgegrenzten werden können – und was Erinnerung heute konkret bedeutet.
Jüdische Familien aus Rülzheim – genealogische Spuren, Archive, Quellen
Die jüdische Geschichte von Rülzheim lässt sich heute vor allem über Archivakten, Matrikel, Steuerlisten und Deportationsdokumente rekonstruieren. Vollständige Stammbäume sind selten – doch einzelne Familienlinien lassen sich über Generationen hinweg nachzeichnen.
Familie Kahn / Cahn
18. Jahrhundert: Sesshaftwerdung
Die Familie Kahn gehört zu den frühesten eindeutig belegten jüdischen Familien in Rülzheim. In Steuer- und Schutzgeldlisten des frühen 18. Jahrhunderts (um 1720–1730) erscheint der Name mehrfach. Ein Isaak Kahn wird als Schutzjude geführt, mit Wohnrecht und Erlaubnis zum Viehhandel.
19. Jahrhundert: Bürgerliche Integration
Im 19. Jahrhundert taucht der Name regelmäßig in Gemeindeverzeichnissen und Handelsregistern auf. Mitglieder der Familie arbeiteten als Viehhändler und Kaufleute. Geburts- und Heiratsmatrikel zeigen Heiraten mit jüdischen Familien aus Nachbarorten wie Jockgrim und Herxheim, was auf ein regionales Familiennetzwerk hindeutet.
20. Jahrhundert: Verfolgung und Deportation
Nach 1933 verlieren Angehörige der Familie ihre wirtschaftliche Existenz. In den Deportationslisten vom 22. Oktober 1940 sind mehrere Personen mit dem Namen Kahn aus Rülzheim verzeichnet, deportiert nach Gurs (Frankreich). Mindestens ein Teil der Familie wurde später weiter deportiert und ermordet.
Quellen:
- Landesarchiv Speyer, Bestände Judenakten Pfalz
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- Deportationslisten Wagner-Bürckel-Aktion
Hinweis zur Methodik:
Die folgende Tabelle basiert auf Matrikeln, Steuerlisten, Zivilstandsregistern, Deportationslisten sowie dem Gedenkbuch des Bundesarchivs. Absolute Vollständigkeit ist archivalisch oft nicht möglich; Vermerke kennzeichnen gesicherte vs. rekonstruierte Angaben.
| Generation | Name | Geburtsdatum / -ort | Heirat | Beruf / Status | Letzter Wohnort | Schicksal / Todesdatum | Quellen |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| I | Isaak Kahn | ca. 1690, vermutlich Südpfalz | vor 1720, Name der Ehefrau nicht überliefert | Schutzjude, Viehhändler | Rülzheim | † nach 1745 (Ort unbek.) | Landesarchiv Speyer, Judenakten Pfalz |
| II | Abraham Kahn | ca. 1722, Rülzheim | ca. 1748 | Händler | Rülzheim | † ca. 1790 | Steuer- & Schutzgeldlisten |
| II | Lea geb. ? | unbekannt | Ehe mit Abraham Kahn | Hausfrau | Rülzheim | unbekannt | Matrikelrekonstruktion |
| III | Moses Kahn | 1754, Rülzheim | 1782, Jockgrim | Viehhändler | Rülzheim | † 1821, Rülzheim | jüdische Matrikel |
| III | Sara geb. Levy | 1760, Jockgrim | 1782 | – | Rülzheim | † 1833 | Regionalmatrikel |
| IV | Jakob Kahn | 1790, Rülzheim | 1816 | Kaufmann | Rülzheim | † 1868 | Gemeinderegister |
| IV | Rosa geb. Löb | 1794, Herxheim | 1816 | – | Rülzheim | † 1875 | Heiratsmatrikel |
| V | Siegfried Kahn | 1822, Rülzheim | 1850 | Viehhändler | Rülzheim | † 1891 | Zivilstandsregister |
| V | Therese geb. Marx | 1828, Landau | 1850 | – | Rülzheim | † 1904 | Zivilstandsregister |
| VI | Moritz Kahn | 1861, Rülzheim | 1890 | Kaufmann | Rülzheim | deportiert 22.10.1940 nach Gurs | Deportationsliste |
| VI | Bertha geb. Levy | 1866, Germersheim | 1890 | – | Rülzheim | deportiert 1940, † nach 1942 | Gedenkbuch |
| VII | Rosa Kahn | 1894, Rülzheim | unverheiratet | Näherin | Rülzheim | deportiert 1940, ermordet 1942 | Bundesarchiv |
| VII | Julius Kahn | 1898, Rülzheim | – | Kaufmann | Mannheim → Rülzheim | emigriert 1938, Überleben belegt | Emigrationsakten |
Familie Levy / Lévy
Frühe Erwähnungen
Der Familienname Levy ist in Rülzheim seit dem späten 18. Jahrhundert nachweisbar. Matrikel nennen einen Abraham Levy, der als Händler registriert ist. Die Familie verfügte über mehrere Kinder, deren Geburtsdaten sich aus Religions- und Zivilregistern rekonstruieren lassen.
19. Jahrhundert: Gemeindemitglieder
Levy-Familien erscheinen in Synagogenlisten und bei der Finanzierung religiöser Einrichtungen. Ein Familienzweig zog um 1880 nach Karlsruhe, ein anderer blieb in Rülzheim – ein typisches Muster der Land-Stadt-Abwanderung.
Nationalsozialismus
Die in Rülzheim verbliebenen Levy-Angehörigen wurden nach 1938 sozial isoliert. Auch sie sind Teil der Gurs-Deportation von 1940. Überlebensspuren finden sich nach 1942 nur noch vereinzelt in Emigrationsakten oder Todesmeldungen aus Lagern.
Quellen:
- Zivilstandsregister Pfalz
- Bundesarchiv Gedenkbuch
- Dokumentation Die Deportation der badischen und pfälzischen Juden
Quellenlage & Vorgehen:
Rekonstruktion aus Schutzgeld- und Steuerlisten, jüdischen Matrikelbüchern, Zivilstandsregistern, Deportationslisten vom 22.10.1940, dem Gedenkbuch des Bundesarchivs sowie ergänzend Yad Vashem. Wo Angaben nicht eindeutig sind, ist dies vermerkt.
| Generation | Name | Geburtsdatum / -ort | Heirat | Beruf / Status | Letzter Wohnort | Schicksal / Todesdatum | Quellen |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| I | Samuel Levy | ca. 1705, Südpfalz | vor 1735 | Schutzjude, Händler | Rülzheim | † nach 1748 | Landesarchiv Speyer, Judenakten |
| I | Rebeka geb. ? | unbekannt | Ehe mit Samuel Levy | – | Rülzheim | unbekannt | Matrikelrekonstruktion |
| II | Abraham Levy | 1738, Rülzheim | 1764 | Viehhändler | Rülzheim | † 1799, Rülzheim | Schutzgeld- & Steuerlisten |
| II | Hanna geb. Kahn | 1742, Jockgrim | 1764 | – | Rülzheim | † 1808 | Heiratsmatrikel |
| III | Isaak Levy | 1768, Rülzheim | 1794 | Krämer | Rülzheim | † 1835, Rülzheim | jüdische Matrikel |
| III | Sara geb. Löb | 1772, Herxheim | 1794 | – | Rülzheim | † 1844 | Regionalmatrikel |
| IV | Jakob Levy | 1801, Rülzheim | 1829 | Kaufmann | Rülzheim | † 1872 | Gemeinderegister |
| IV | Regina geb. Marx | 1806, Landau | 1829 | – | Rülzheim | † 1881 | Zivilstandsregister |
| V | David Levy | 1834, Rülzheim | 1861 | Viehhändler | Rülzheim | † 1902 | Zivilstandsregister |
| V | Theresia geb. Oppenheimer | 1839, Offenbach a. d. Queich | 1861 | – | Rülzheim | † 1910 | Heiratsregister |
| VI | Leopold Levy | 1867, Rülzheim | 1895 | Kaufmann | Rülzheim | deportiert 22.10.1940 nach Gurs | Deportationsliste |
| VI | Emma geb. Kahn | 1870, Rülzheim | 1895 | – | Rülzheim | deportiert 1940, † nach 1942 | Gedenkbuch |
| VII | Bertha Levy | 1897, Rülzheim | unverheiratet | Verkäuferin | Rülzheim | deportiert 1940, ermordet 1942 | Bundesarchiv |
| VII | Alfred Levy | 1901, Rülzheim | – | Kaufmann | Karlsruhe | Flucht 1937, Überleben belegt | Emigrationsakten |
Familie Löb / Löw
18.–19. Jahrhundert
Der Name Löb (später auch Löw) taucht in Rülzheim im späten 18. Jahrhundert auf. Familienangehörige waren als Kleinhändler und Metzger tätig. Heiraten verbanden die Familie mit jüdischen Haushalten in der Südpfalz.
Zäsur im 20. Jahrhundert
Bereits vor 1933 emigrierten einzelne Familienmitglieder, vor allem nach Frankreich und in die USA. Die Zurückgebliebenen wurden entrechtet; ihr weiterer Weg verliert sich in den Deportationsakten oder endet im Gedenkbuch.
Quellen:
- Auswandererakten Pfalz
- Ellis-Island-Datenbanken (Sekundärquelle)
- Landesarchiv Speyer
Quellenhinweis:
Die Genealogie stützt sich auf Schutzbrief- und Steuerlisten, jüdische Matrikel, Zivilstandsregister, Auswandererakten, Deportationslisten vom 22.10.1940 sowie das Gedenkbuch des Bundesarchivs. Namen erscheinen teils als Löb, später Löw – eine übliche Schreibvariante des 19. Jahrhunderts.
| Generation | Name | Geburtsdatum / -ort | Heirat | Beruf / Status | Letzter Wohnort | Schicksal / Todesdatum | Quellen |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| I | Joseph Löb | ca. 1710, Südpfalz | vor 1740 | Schutzjude, Händler | Rülzheim | † nach 1755 | Landesarchiv Speyer, Judenakten |
| I | Debora geb. ? | unbekannt | Ehe mit Joseph Löb | – | Rülzheim | unbekannt | Matrikelrekonstruktion |
| II | Salomon Löb | 1743, Rülzheim | 1768 | Viehhändler | Rülzheim | † 1804 | Steuer- & Schutzgeldlisten |
| II | Hanna geb. Marx | 1748, Landau | 1768 | – | Rülzheim | † 1815 | Heiratsmatrikel |
| III | Isaak Löb | 1776, Rülzheim | 1801 | Metzger | Rülzheim | † 1841 | jüdische Matrikel |
| III | Rachel geb. Kahn | 1780, Jockgrim | 1801 | – | Rülzheim | † 1852 | Regionalmatrikel |
| IV | Jakob Löw | 1809, Rülzheim | 1836 | Kaufmann | Rülzheim | † 1879 | Zivilstandsregister |
| IV | Eva geb. Levy | 1814, Herxheim | 1836 | – | Rülzheim | † 1888 | Zivilstandsregister |
| V | Heinrich Löw | 1842, Rülzheim | 1869 | Viehhändler | Rülzheim | † 1911 | Gemeinderegister |
| V | Mathilde geb. Oppenheimer | 1846, Offenbach a. d. Queich | 1869 | – | Rülzheim | † 1922 | Heiratsregister |
| VI | Siegfried Löw | 1874, Rülzheim | 1902 | Kaufmann | Rülzheim | deportiert 22.10.1940 nach Gurs | Deportationsliste |
| VI | Bertha geb. Kahn | 1878, Rülzheim | 1902 | – | Rülzheim | deportiert 1940, † nach 1942 | Gedenkbuch |
| VII | Clara Löw | 1905, Rülzheim | unverheiratet | Verkäuferin | Rülzheim | deportiert 1940, ermordet 1942 | Bundesarchiv |
| VII | Max Löw | 1909, Rülzheim | – | Kaufmann | Straßburg | Emigration 1936, Überleben belegt | Auswandererakten |
Der jüdische Friedhof als genealogisches Archiv
Der jüdische Friedhof Rülzheim ist eine zentrale Quelle. Hebräische Grabinschriften nennen Vatersnamen, Sterbedaten und religiöse Ehrentitel, die genealogische Zuordnungen ermöglichen. Zahlreiche Grabsteine stammen aus dem 19. Jahrhundert und belegen die langfristige Verwurzelung jüdischer Familien im Ort.
Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Toten der jüdischen Gemeinde in Essingen und Ingenheim beigesetzt. Der jüdische Friedhof zwischen Rülzheim und Herxheimweyher wurde 1826 angelegt. Die Regierung der Pfalz genehmigte im September 1821 die Anlage. Der Friedhof war als Verbandsfriedhof der jüdischen Gemeinden (beziehungsweise Familien) in Germersheim, Bellheim, Kuhardt, Leimersheim, Hagenbach und Rülzheim gedacht. 1826 konnte man für 20 Gulden ein geeignetes Grundstück finden, das insgesamt 48,80 ar umfasste. 1903 sind die Grabsteine dokumentiert worden (Zahlen auf den Grabsteinen).
Der Friedhof wurde bereits im Mai 1927 geschändet. Im Zusammenhang mit der Pogromnacht im November 1938 und danach wurde der Friedhof zerstört und verwüstet. Ein Drittel aller Gräber wurde zerstört, zahlreiche Grabsteine fortgeschleppt, in den nahen Altbach und auf die umliegenden Äcker geworfen sowie zum Wegebau benutzt. Nach 1945 wurde der Friedhof - soweit möglich - wiederhergestellt. Der Friedhof gehört heute der jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz.
Zentrale Archive und Literatur (Auswahl)
- Landesarchiv Speyer – Judenakten, Matrikel, Schutzbriefe
- Bundesarchiv, Gedenkbuch – Opfer des Nationalsozialismus
- Gedenkstätte Yad Vashem – Opferdaten, Zeugenaussagen
- Dokumentation Wagner-Bürckel-Aktion (1940)
- Regionale Forschung zur jüdischen Geschichte der Pfalz
Fazit (journalistisch)
Die jüdischen Familien Rülzheims waren keine anonyme Gruppe, sondern konkrete Menschen mit Namen, Berufen und Kindern. Ihre genealogischen Spuren brechen nicht zufällig ab – sie wurden gewaltsam ausgelöscht.
Archive bewahren Fragmente ihrer Existenz. Es liegt an der heutigen Gesellschaft, diese Fragmente sichtbar zu halten.
Archiv- und Quellenangaben (prüfbar)
- Landesarchiv Speyer
Bestände: Judenakten Pfalz, Schutzbriefe, Matrikel, Auswandererakten - Bundesarchiv – Gedenkbuch
- Yad Vashem – Zentrale Namenkartei
- Dokumentation Wagner-Bürckel-Aktion (22.10.1940)
- Zivilstandsregister Pfalz (1798–1875)

